Science-Studie: Hohe Eisklippen brechen schneller ab – doch ein Dauerkollaps bleibt aus
Über 15.000 Satellitenmessungen zeigen: Hohe Eisklippen an den Eisschilden können schneller zerfallen als Modelle annehmen. Einen sich selbst verstärkenden Kollaps fanden die Forschenden bisher nicht.

Symbolbild · Foto: Murray Foubister / Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 (zugeschnitten und skaliert)
Ein Team um die Doktorandin Caroline Needell vom gemeinsamen Programm des MIT und der Woods Hole Oceanographic Institution (WHOI) hat das Verhalten hoher Eisklippen in der nach WHOI-Angaben bislang umfassendsten Beobachtungsanalyse untersucht. Die Studie „Empirical constraints on ice-cliff calving“ erschien am 15. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift „Science“, beteiligt waren auch die WHOI-Glaziologin Catherine Walker und der Geophysiker Jeremy Bassis von der University of Michigan. Ausgewertet wurden 15.330 Messungen mit dem Laser-Höhenmesser des NASA-Satelliten ICESat-2 an den Rändern der Eisschilde, nach MIT-Angaben aus den Jahren 2019 bis 2023 und vor allem in der Antarktis. Die Forschenden verglichen die Höhe der Klippen mit Eisdicke, Wassertiefe, Gletscherspalten und Abbruchraten.
Im Mittelpunkt steht die umstrittene Hypothese der Eisklippen-Instabilität (MICI). Danach könnten Klippen, die mehr als etwa 100 Meter über die Wasserlinie ragen, instabil werden und einen sich selbst verstärkenden Eisverlust auslösen – beobachtet wurde das bisher nie, weshalb strittig war, ob der Prozess in Meeresspiegelprojektionen gehört. Die Messungen zeigen: Im Schnitt sind die Klippen nur rund 30 Meter hoch, nur wenige überschreiten 100 Meter. In vier Regionen mit den höchsten Klippen (bis 127 Meter) brachen diese schneller ab, als MICI-Modelle vorhersagen, der Rückzug war aber kurzlebig, und die Gletscher stabilisierten sich wieder. Einen „Runaway“-Effekt sehe man nicht, sagte Needell laut MIT.
Als bremsende Faktoren nennen die Autoren ein dickeres Gemisch aus Eisbergen und Meereis vor der Klippe (Mélange), das möglicherweise stabilisierend wirkt, tieferes Wasser, das das Eis anhebt, und Erhebungen im Felsuntergrund. Hohe Klippen dünnen beim Zerfall zudem rasch aus und gehen in niedrigere, stabilere Formen über. Die Arbeit beruht auf Beobachtungen und ist keine neue Meeresspiegelprognose; sie soll helfen, Eisschildmodelle zu prüfen, die den Zerfall hoher Klippen nach Needells Worten womöglich unterschätzen. Ob sich die Gletscher auch bei weiterer Erwärmung wieder stabilisieren, sei unbekannt, sagte Bassis laut WHOI; bisher hätten sich alle bekannten Fälle schnellen Rückzugs als kurzlebig erwiesen. Der globale Meeresspiegel ist laut WHOI seit 1880 um mehr als 20 Zentimeter gestiegen.
