Thwaites-Gletscher: Neues Modell erwartet bis zu doppelt so viel Meeresspiegelanstieg
Eine Studie unter Beteiligung des NASA-Labors JPL berücksichtigt Meerwasser, das unter das Eis dringt. Ergebnis: bis 2100 bis zu drei Zentimeter Anstieg – rund doppelt so viel wie bisher berechnet.

Archivbild · Foto: NASA / Wikimedia Commons, Public domain (zugeschnitten und skaliert)
Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis könnte bis 2100 mehr zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen als bisher angenommen. Das berichtet ein Team um Mattia Poinelli, zu dem Forschende des Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA und der Glaziologe Eric Rignot gehören, am 12. Oktober in der Fachzeitschrift Nature Communications. Die Forschenden bauten in ein Eisschildmodell kilometerbreite Zonen ein, in denen Meerwasser unter das noch auf dem Felsbett aufliegende Eis vordringt und es von unten schmilzt. Bisherige Modelle behandeln die sogenannte Aufsetzlinie meist als scharfe Grenze. Solche Intrusionen unter Thwaites hatte 2024 bereits eine Studie um Rignot in PNAS beschrieben.
Das Modell wurde an knapp drei Jahrzehnten Beobachtungen geprüft – Satellitenmessungen von Fließgeschwindigkeit, Ausdünnung und Lage der Aufsetzlinie. Den beobachteten Rückzug gab es nur mit 2 bis 5 Kilometer breiten Schmelzzonen wieder. In der Variante mit 5 Kilometern ergibt die Projektion bis 2100 einen Beitrag von 30,1 ± 5,7 Millimetern zum globalen Meeresspiegel – etwa doppelt so viel wie der Mittelwert des internationalen Modellvergleichs ISMIP6 (15,2 ± 21,8 Millimeter). Ohne solche Zonen sind es 8,3 ± 3,0 Millimeter. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Gletscher bis 2100 vom Mouginot-Rücken löst, einem Haltepunkt am Meeresboden, beziffern die Autoren auf rund 45 Prozent bei 2 bis 3 Kilometer breiten und rund 60 Prozent bei 4 bis 6 Kilometer breiten Zonen; bei 5 bis 6 Kilometern frühestens schon 2038.
Einordnung: Es handelt sich um Modellprojektionen. Sie gehen von einem gleichbleibenden, bewusst niedrig angesetzten Klimaantrieb (Mittel 1996–2023) ohne weitere Erwärmung aus; das Abbrechen von Eis an der Gletscherfront ist nicht enthalten. Ein Test mit 0,5 bis 0,7 Grad wärmerem Ozeanwasser erhöhte den Eisverlust um etwa 15 Prozent. Das gesamte Eis des Thwaites-Gletschers entspricht laut Studie 65 Zentimetern Meeresspiegel – die bis 2100 projizierten Millimeter sind davon nur ein kleiner Teil. Die Autoren fordern mehr Ozeanmessungen direkt an der Aufsetzlinie.
Quellen
- Nature Communications – Poinelli et al.: Sea-level contribution from Thwaites Glacier doubles in an observation-constrained ice-sheet model (12.10.2026)
- PNAS – Rignot et al.: Meerwasser-Intrusion unter dem Thwaites-Gletscher (Referenzstudie, 2024)
- Earth's Future – Seroussi et al.: Evolution of the Antarctic ice sheet over the next three centuries (ISMIP6, 2024)
