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„Kuschelhormon“ mit Schattenseite: Oxytocin verstärkt bei Bindungsangst trübe Erinnerungen

Wer in Beziehungen stark verunsichert ist, erinnert sich unter Oxytocin negativer an die eigene Mutter, zeigt eine Studie der McGill University. Das Hormon wirkt offenbar eher als Verstärker denn als Wohlfühlmittel.

Ein Fläschchen Nasenspray (Symbolbild)

Symbolbild · Foto: Maxim Masiutin / Wikimedia Commons, CC0 (zugeschnitten und skaliert)

Oxytocin gilt landläufig als „Kuschel-“ oder „Bindungshormon“. Ein Team um Melissa Shemirani und Jennifer A. Bartz von der McGill University in Montreal hat untersucht, wie das Hormon auf Erinnerungen an die eigene Kindheit wirkt; die Studie erschien im Fachjournal „Emotion“, das Portal PsyPost berichtete am 16. Oktober. 77 Frauen und Männer kamen zweimal ins Labor und erhielten doppelblind und in wechselnder Reihenfolge einmal Oxytocin und einmal ein Placebo als Nasenspray. Danach sahen sie bindungsbezogene Wörter wie „beschützen“ oder „aufgebracht“ und riefen Erinnerungen an ihre Mutter ab; je eine positive und eine negative schilderten sie einige Minuten lang mündlich.

Unabhängige Bewerterinnen und Bewerter stuften die Abschriften ein. Bei Teilnehmenden mit ausgeprägter Bindungsangst – der Sorge, von nahestehenden Menschen zurückgewiesen oder verlassen zu werden – fielen die Erinnerungen unter Oxytocin negativer und weniger positiv aus als unter Placebo. Bei eher vermeidend gebundenen Menschen änderte das Hormon den Gefühlston nicht; sie gaben insgesamt weniger preis und zeigten sich unter Oxytocin in einem anschließenden Fragebogen noch zurückhaltender. Die Forschenden sehen darin einen Beleg für die sogenannte Salienz-Hypothese: Oxytocin verstärke soziale Signale – angenehme wie belastende –, statt einfach warme Gefühle zu erzeugen. Bartz hatte schon 2010 in einer kleineren Studie mit 31 Männern im Fachjournal PNAS ein ähnliches Muster beschrieben: Weniger ängstlich gebundene Männer erinnerten sich unter Oxytocin an eine fürsorglichere Mutter, stärker ängstlich gebundene an eine weniger fürsorgliche.

Die Studie hat Grenzen: Die Teilnehmenden waren relativ jung und überwiegend weißer oder asiatischer Herkunft, untersucht wurden nur Erinnerungen an Mütter. Zwei zusätzlich eingesetzte Textanalyse-Programme kamen teils zu anderen Ergebnissen als die menschlichen Bewerter – bei ihnen zeigte sich ein signifikanter Effekt vor allem bei wenig ängstlichen Teilnehmenden, bei denen Oxytocin den negativen Ton verringerte. Angaben zur Finanzierung enthält der PsyPost-Bericht nicht. Für mögliche therapeutische Anwendungen mahnt die Arbeit zur Vorsicht: Oxytocin sei kein Allheilmittel und könne bestehende soziale Ängste verstärken; ein Einsatz müsste sorgfältig begleitet werden.

Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Rechts-, Steuer-, Finanz- oder medizinische Beratung. Angaben mit dem genannten Datenstand.

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